Die 39

Ich sitze im Gemeinderat und wir haben beschlossen die Fragen besorgter Bürger anzuhören.
Den Herrn, der spricht kenne ich, es ist der LILA ZAUN MANN from the hood.
Er heißt seit Jahren so, denn er hat irgendwann aus mit unerklärlichen Gründen seinen Zaun LILA gestrichen. Er ist sehr pragmatisch, er hat auch sein Grundstück großflächig vom Schwiegersohn, der bei der Straßenmeisterei ist, asphaltieren lassen.
Sein Grundstück liegt am Bach und die Dorfstraße geht dort ziemlich nah am Bach entlang.
Er hat einen Rasenmäher mit dem er die Böschung mähen kann, er kann ihn nämlich an einem Strick selbst die steilsten Neigung herunterlassen und den Bewuchs bis ins Wasser hinein kürzen.
Das hat sich bitterlich gerächt, denn durch den mangelnden Bewuchs hat nichts mehr die Erde festgehalten und von der straßenseitigen Böschung alles in den Bach gespült. Auf seiner Seite spült schon gar nichts mehr, da hat er schon vor Jahren eine Granitmauer betoniert.
Die noch natürliche Seite des Ufers hat er dann, aufgrund der Erosion, mit Leitplanken aus den Beständen des Schwiegersohns baulich verstärkt. Es ist jetzt alles „schön“, gerade und ordentlich.

Er ist Rentner, dass heißt, er hat Zeit, um sich um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angehen, aber er ist alt, dass heißt, er will das jemand für ihn zur Tat schreitet.
Er hält der Gemeinde vor, dass sie endlich den Graben räumen soll.
Speziell in Höhe von Grundstück 39, das Ufer ist mit Schilf bewachsen, Mädesüß wuchert da und das sieht ja ganz verlottert aus.

Wo ist denn das? Hätte mir ja auffallen müssen…
Ich frage meine Nachbarin.
Die wohnt auch in seiner Gegend, aber die weiß auch nicht, wovon die Rede sein soll.

„Wegen der Überflutung!“ legt er nach.
Das mit der Überflutung kann nicht stimmen, denn ein Anlieger weiter oben hat die Rohre in der Überfahrt zu seinem Grundstück so klein dimensioniert, dass es dort bei jedem Starkregen staut und dann weitläufig durch die Aue fließt, bis zum Grundstück von LILA ZAUN MANN.
Wenn es flutet, dann kriegt er Wasser von hinten, aber nicht vom Bach.

Mit dem „Graben“ meint er eigentlich den Bach. Jetzt wird es interessant. Graben ist Vorfluter und Überlauf, Bach in ein Gewässer dritter Ordnung, welches ständig Wasser führt.
Mir schwant Schlimmes und falls der jetzt die Gemeinde auf dumme Ideen bringt, sieht der Bach dann aus wie bei ihm, nämlich betoniert, eingeengt und ausgelegt mit Kieselsteinen auf dem Grund. Eine Mischung aus Abwasserkanal und Aquarium.

Ich erhebe meine Stimme und erkläre, dass wir, bevor wir irgendwas ausbaggern, abstechen oder verändern, uns erst einmal darüber Gedanken machen sollten, wie ein Dorfbach eigentlich auszusehen hat und was die rechtlichen Vorgaben sind.
Die Ansichten des Herrn haben nämlich in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts genau zu den Erfolgen geführt, deren Auswirkungen wir heute für viel Geld wieder beheben.

Meine Idee von einem Leitbild wird abgelehnt und beschlossen, Hochwasserschutz unten am Bach zu beginnen, da es nichts nützt, wenn das Wasser am Oberlauf gut fließt und unten das Dorf unter Wasser setzt.

Schön, das ist gut so, denn bei dem wenigen Geld und Personal, dass die Gemeinde hat, dauert es noch Jahre, bis die sich zu uns vorgegraben haben. Das erlebt LILA ZAUN nicht mehr.

Ein paar Tage später fahre ich das Dorf hoch und beschließe zu schauen, wo denn eigentlich die 39 ist.

Witzig!
Das Grundstück gehört uns!

frosch

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2 thoughts on “Die 39

  1. […] Die Vorgeschichte gibt es hier>>>>>>>>>>>>>>>>>&g… […]

  2. […] Alles sehr gut. Die Nachbarn tun mir dann und wann leid. Der klassische kleinbürgerliche deutsche Untertan, der beim Blick über den Gartenzaun auf dieses fremde Weltbild sich Hilfe von der Obrigkeit erwartet und dann feststellt, dass die Obrigkeit die Gesetzte nicht zu seinen Gunsten ausgestaltet hat. Genauso, wie der Mann der Probleme mit der 39 hat. […]

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