Die Gläser der Frau S.

Heute in der Rubrik „Geschichten, die das Leben schrieb“:

Die Gläser der Frau S.

Oma hebt die Gläser in die Kiste. Einzeln und vorsichtig. Seit 20 Jahren hat sie sie nicht mehr benutzt, die Enkel haben damals lieber aus der Dose gegessen. Der Herbert ist schon eine Weile tot, dem hat es immer geschmeckt, besonders die Kirschen.

Nun macht sie etwas Ordnung und die Dinger braucht ja keiner mehr. Die jungen Leute machen so was ja nicht mehr.

Es sind ganz schön viele Gläser, liebevoll gesammelt in all den Jahren.

Sie beschließt, sie zum Glascontainer transportieren zu lassen und da kommt das dörfliche Netzwerk in Gang.

Der Transporteur informiert jemanden, der findet sie gut, aber braucht sie nicht, der kennt aber jemanden, der sie braucht, aber nicht so viele und der kennt jemanden, der sie benutzen würde und der auch noch Platz hat.

 

Eine Stunde später stehen sie in der Küche grau und staubig.

Die Spülmaschine wird angesichts der Aussichten blass und ich zücke das Buch, wo ich das mit dem Fleisch einkochen gelesen hatte, was ich, in Ermanglung geeigneter Gläser allerdings auf St. Nimmerleinstag verschoben hatte.

 

Oma S. weiß nun, dass ihre Gläser ein neues Zuhause gefunden haben und nicht dem Wertstoffkreislauf zugeführt wurden.

Die stille Post im Dorf funktionierte wieder einmal ausgezeichnet.

Alle haben was davon.

…und ich kann bald ganz viel verschiedenes Fleisch einwecken.

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One thought on “Die Gläser der Frau S.

  1. kat

    schön geschrieben! viel spaß damit..denke wenn nicht ihr, wer hat dann ( für so viele) verwendung ;-).liebe grüße aus dem unterdorf, bald mitteldorf

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