Stolz und Vorurteil

Sperrmülltag
Das hohe Fest der Haushaltsentrümpelung, Platzmachen für neue Konsumgüter.
All die schicken Sofas mit lilaschwarzen Velours, gekauft zum Supersparangebot in der Hammerwochen am Alles-muss-raus-Tag vor 5 Jahren.
Die sind bald mal wieder und deshalb muss das Neu-Alte weichen.
Man baut kleine Wohnzimmer im Freien auf (interessant, wer sich im Dorf wie einrichtet) und wartet auf den LKW mit der großen Presse.

Da steht er.
Ein richtiger Omasessel!
Einer von denen, die immer als erstes auf dem Sperrmüll landen und noch nicht einmal den Weg zum gut sortierten Trödler finden.
Sofas tun dies gelegentlich, weil sie im guten Zimmer bei Oma Elfriede nur alle Jubeljahre mal benutzt wurden und unter Naturschutz standen, aber der Sessel von Onkel Günter wurde beim täglichen Zeitungslesen doch arg strapaziert und fand den Weg zum Müll schon in jungen Jahren.

Ich gehe weiter.
Ich ringe mit mir selbst.
Vom Sperrmüll – ich weiß nicht, beim Trödler erworben ist o.K. aber den Stapel umschichten und das Ding wegschleifen…

Ich sehe ihn nachts in meinen Träumen.
Ich habe Angst, dass es regnet und dass das gute Stück den finalen Todesstoss bekommt. Unrettbar verloren!
Jahre in der Scheune in einer Nische überlebt. Seine Artgenossen haben vor Jahrzehnten schon den ersten Kunstledersesseln Platz gemacht, er ist der Letzte seine Art.
Handeln tut Not!

Ich hole ihn, besser: ich werde ihn retten!
Ja, das passt – es ist eine Befreiungsaktion!
Eine gute Tat zur Rettung einer bedrohten Möbelspezies zur Wiederherstellung eines intakten Möbelhabitats in meinem Wohnzimmer!

Ich sitze auf ihm unterm Vordach, mein neuer Liebling ist noch in der Quarantäne, er ist zutraulich und sehr bequem, ich blättere im Abfallkalender, wann denn wieder Sperrmülltag ist und plane gute Taten.

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